Anorexia nervosa:
Die Anorexia ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten
oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Am häufigsten ist
die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen; heranwachsende
Jungen und junge Männer, Kinder vor der Pubertät und Frauen bis zur
Menopause können ebenfalls betroffen sein. Die Krankheit ist mit einer
spezifischen Psychopathologie verbunden, wobei die Angst vor einem dicken
Körper und einer schlaffen Körperform als eine tiefverwurzelte überwertige
Idee besteht und die Betroffenen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für
sich selbst festlegen. Es liegt meist Unterernährung unterschiedlichen
Schweregrades vor, die sekundär zu endokrinen und metabolischen
Veränderungen und zu körperlichen Funktionsstörungen führt. Zu den Symptomen
gehören eingeschränkte Nahrungsauswahl, übertriebene körperliche
Aktivitäten, selbstinduziertes Erbrechen und Abführen und der Gebrauch von
Appetitzüglern und Diuretika.
Bulimia nervosa:
Ein Syndrom, das durch wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine
übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts
charakterisiert ist. Dies führt zu einem Verhaltensmuster von Essanfällen
und Erbrechen oder Gebrauch von Abführmitteln. Viele psychische Merkmale
dieser Störung ähneln denen der Anorexia nervosa, so die übertriebene Sorge
um Körperform und Gewicht. Wiederholtes Erbrechen kann zu
Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen führen. Häufig lässt
sich in der Anamnese eine frühere Episode einer Anorexia nervosa mit einem
Intervall von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren nachweisen.
Für die Diagnose der
Anorexia nervosa (F 50.0) gelten nach ICD 10 folgende
diagnostische Leitlinien:
Tatsächliches Körpergewicht
mindestens 15 % unter dem erwarteten (entweder durch Gewichtsverlust oder
nie erreichtes Gewicht) oder Body-Mass-Index von 17,5kg/m² oder weniger.
Bei Patienten in der Vorpubertät kann die erwartete Gewichtszunahme
während der Wachstumsperiode ausbleiben.
Der Gewichtsverlust ist selbst
herbeigeführt durch: a. Vermeidung von hochkalorischen Speisen; und eine
oder mehrere der folgenden Möglichkeiten: b. selbst induziertes Erbrechen;
c. selbst induziertes Abführen; d. übertriebene körperliche Aktivität; e.
Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika.
Körperschema-Störung in form
einer spezifischen psychischen Störung: die Angst, zu dick zu werden,
besteht als tiefverwurzelte überwertige Idee; die Betroffenen legen eine
sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst fest.
Bei Beginn der Erkrankung vor
der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklungsschritte verzögert
oder gehemmt (Wachstumsstopp; fehlende Brustentwicklung und primäre
Amenorrhoe beim Mädchen, bei Knaben bleiben die Genitalien kindlich). Nach
Remission wir die Pubertätsentwicklung häufig normal abgeschlossen, die
Menarche tritt aber verspätet ein.
Untertypen:
F 50.00 Anorexia ohne aktive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (Erbrechen,
Abführen etc.) - dazugehörige Begriffe: Asketische Form der Anorexia
nervosa, passive Form der Anorexia nervosa, restriktive Form der Anorexia
nervosa.
F 50.01 Anorexia mit aktiven
Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (Erbrechen, Abführen, etc. u.U. in
Verbindung mit Heißhungerattacken) - dazugehörige Begriffe: Aktive Form
der Anorexia nervosa, bulimische Form der Anorexia nervosa.
Für die Diagnose einer
Bulimia nervosa (F 50.2) gelten nach ICD 10 folgende
diagnostische Leitlinien:
Eine andauernde Beschäftigung
mit Essen, eine unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln; die Patientin
erliegt Eßattacken, bei denen große Mengen Nahrung in sehr kurzer Zeit
konsumiert werden.
Die Patienten versucht, dem
dickmachenden Effekt der Nahrung durch verschiedene Verhaltensweisen
entgegenzusteuern: selbstinduziertes Erbrechen, Mißbrauch von
Abführmitteln, zeitweilige Hungerperioden, Gebrauch von Appetitzüglern,
Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika. Wenn die Bulimie bei
Diabetikerinnen auftritt, kann es zu einer Vernachlässigung der
Insulinbehandlung kommen.
Die psychopathologische
Auffälligkeit besteht in einer krankhaften Furcht davor, dick zu werden;
die Patientin setzt sich eine scharf definiertee Gewichtsgrenze, weit
unter dem prämorbiden, von Arzt als optimal oder "gesund" betrachteten
Gewicht.
Häufig läßt sich in der
Vorgeschichte mit einem Intervall von einigen Monaten bis zu mehreren
Jahren eine Episode einer Anorexia nervosa nachweisen. Diese frühere
Episode kann voll ausgeprägt gewesen sein oder war eine verdeckte Form mit
mäßigem Gewichtsverlust und/oder einer vorübergehenden Amenorrhoe.
Forschungskriterien für die "Binge-Eating"-Störung
nach DSM-IV
Wiederholte Episoden von "Eßanfällen".
Eine Episode von "Eßanfällen" ist durch die beiden folgenden Kriterien
charakterisiert:
Essen einer Nahrungsmenge in
einem abgrenzbaren Zeitraum (z.B. in einem zweistündigen Zeitraum), die
definitiv größer ist als die meisten Menschen in einem ähnlichen
Zeitraum unter ähnlichen Umständen essen würden.
Ein Gefühl des
Kontrollverlustes über das Essen während der Episode (z.B. ein Gefühl,
daß man mit dem Essen nicht aufhören kann bzw. nicht kontrollieren kann,
was und wieviel man ist).
Die Episoden von "Eßanfällen"
treten gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptome auf:
wesentlich schneller essen
als normal,
essen bis zu einem
unangenehmen Völlegefühl,
essen großer Nahrungsmengen,
wenn man sich körperlich nicht hungrig fühlt,
alleine essen aus
Verlegenheit über die Menge, die man ißt,
Ekelgefühle gegenüber sich
selbst, Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach dem übermäßigen
Essen.
Es besteht deutliches Leiden
wegen der Eßanfälle
Die Eßanfälle treten im
Durchschnitt an mindestens 2 Tagen in der Woche während mindestens 6
Monaten auf.
Die Eßanfälle gehen nicht mit
dem regelmäßigen Einsatz von unangemessenen kompensatorischen
Verhaltensweisen einher und treten nicht ausschließlich im Verlauf einer
Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa auf.